Frauen erobern die Arbeitswelt

Podiumsdiskussion Frauenwirtschaftstage 2022

Von links nach rechts: Petra Bauknecht, Isabelle Possehl und Birgit Buschmann mit Moderatorin Marija Madunic. Foto: Elke Theobald

Frauen sind so gut qualifiziert wie nie zuvor. Besonders bei den Jüngeren gibt es keine Qualifikationsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Auch im Bereich Mathematik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) haben die Frauen stark aufgeholt: In den letzten Jahren stieg der Anteil der Akademikerinnen in diesem Bereich auf 25%. 

Diesen positiven Blick auf berufstätige Frauen warf Prof. Dr. Elke Theobald von der Hochschule Pforzheim während ihres Vortrags "Frauen erobern die Arbeitswelt" im Rahmen der Frauenwirtschaftstage 2022 bei der IHK Nordschwarzwald.
Auch in den Vorstandsetagen tue sich was: In den Vorständen von DAX-Unternehmen sitzen mittlerweile 14,3 Prozent Frauen. Kleiner Wermutstropfen: Wenn der Frauenanteil in den Vorständen im selben Tempo weiterwachse wie bisher, konstatiert Elke Theobald, würde es noch 26 Jahre dauern, bis die Hälfte der Vorstände in den DAX-Unternehmen weiblich wäre.

Dagegen sind Frauen in der zweiten Führungsebene, also zum Beispiel Abteilungsleiterinnen, mit über 40 Prozent gut vertreten. Als Chefinnen oder Geschäftsführerinnen erreichen sie mittlerweile eine Quote von 27 Prozent.
Kritisch sieht Theobald die weiterhin klaffende Lücke im Verdienst zwischen Männern und Frauen. Letztere verdienen in ihrem gesamten Leben im Schnitt immer noch 45 Prozent (Westdeutschland) bzw. 40 Prozent (Ostdeutschland) weniger als ihre männlichen Kollegen.

 

Fachkräftemangel: Frauen als Lösung

Gut qualifizierte Frauen reduzieren immer noch häufiger ihre Arbeitszeit zugunsten der Kinderbetreuung als Väter. Hier sieht Theobald einen Ansatz, dem Fachkräftemangel zu begegnen. Indem sich Betriebe familienfreundlicher aufstellen und zum Beispiel Betriebskitas anbieten oder flexiblere Arbeitszeitmodelle einführen, ist es Frauen möglich, die Arbeit im Betrieb und die Familie besser zu verzahnen. Ein Plus für den Betrieb: Die hochqualifizierten Frauen fallen während der Familienphase weniger oder gar nicht aus. Viele Betriebe hätten das schon erkannt und werben vermehrt um Frauen. 
Die Babypause habe für Frauen gravierende Nachteile. Laut einer Studie des DIW verdienten die Frauen in dem ersten Jahr nach der Geburt eines Kindes 80 Prozent weniger als ihre Männer. Selbst zehn Jahre nach der Geburt haben Frauen immer noch 61 Prozent weniger im Geldbeutel als die Männer. Dabei hätten die meisten Frauen auch mindestens eine 40-Stundenwoche. Davon entfallen aber nur 17 Stunden auf bezahlte Arbeit, der Rest wird für so genannte Care-Arbeit in der Familie verwendet, also unbezahlte Sorgearbeit der Frauen. 


Einmal Teilzeit – immer Teilzeit

In Baden-Württemberg arbeiten 50,2 Prozent der Frauen in Teilzeit. Dagegen sind nur 11 Prozent der Männer in Teilzeitjobs beschäftigt. Steigen die Frauen wegen der Familienarbeit einmal aus der Vollzeitbeschäftigung aus, blieben sie meist dabei. Dies wirke sich später gravierend auf die Rente aus. Frauen erhalten deutschlandweit durchschnittlich weniger als halb so viel Rente wie Männer. Besonders wenn Ehen geschieden werden, verarmen Frauen, weil sie im Alter nicht mehr durch die Rente ihrer Männer mitversorgt werden. Dass das Thema eine hohe Brisanz hat, untermauert Theobald mit dieser Zahl: In Deutschland werden 40 Prozent aller Ehen geschieden.

 

Deutschland ein Entwicklungsland?

„Ausgerechnet das Land, das den Kindergarten erfunden hat, hat noch immer nicht genug Kita-Plätze für alle. Und es gibt ein Ehegatten-Splitting in Deutschland, das es belohnt, wenn Frauen wenig oder gar nicht arbeiten.“, zitiert Elke Theobald den schwedischen Gründer der Avanza Bank, Sven Hagströmer, der auch die Allbright Stiftung ins Leben gerufen hat. Tatsächlich verhindern diese Ursachen, dass es sich für Frauen lohnt, selbst berufstätig zu sein, anstatt die Versorgung der Familie den Männern zu überlassen. Auch fehlende Ganztagesschulen tragen dazu bei.

 

Mehr Frauen, aber wie?

Berufe, die am stärksten um Fachkräfte ringen, sind „typische“ Männerberufe, wie zum Beispiel das Bauhandwerk oder die IT-Branche. Durch gezielte Ansprache könnten hier mehr Frauen gewonnen werden, so Elke Theobald und sie verweist auf ein weiteres Erfolgsrezept: flexiblere Arbeitszeiten. Der Frauenanteil in männertypischen Engpassberufen, in denen Unternehmen flexible Arbeitszeitmodelle geschaffen haben, sei zwischen 2013 und 2017 um 15,6 Prozent gestiegen.
Aber nicht nur den Unternehmen gibt die Professorin eine Hausaufgabe mit: Frauen tendieren dazu sich unter ihrer Qualifikation zu bewerben, während Männer einfach zugreifen. Hier sind die Frauen gefragt, mutiger zu werden und sich mehr zuzutrauen – vor allen Dingen vor dem Hintergrund ihrer hervorragenden Qualifikation. Bestimmte Begriffe in Stellenausschreibungen wie „Durchsetzungsstärke“ schreckten viele Frauen ab, wohingegen die Formulierung „Selbstbewusstsein“ einladender auf Frauen wirke. Hier sind die Firmen aufgerufen, ihre Stellenangebote so zu formulieren, dass sich Frauen angesprochen fühlen.

 

Gründerszene: Mit Diversität zum Erfolg!

Auch bei der Gründung eigener Firmen liegen Frauen noch hinter den Männern. Nur 31,2 Prozent der Selbständigen im Land sind Frauen (2019), Tendenz leicht sinkend, so Theobald.  Eine der Ursachen für die geringere Zahl an selbständigen Frauen liege in der Finanzierung: Während Männer einfacher an Risikokapital kämen, blieben Frauen auf ihren Gründungsträumen sitzen. 

Bei der Unternehmenskultur in der jüngeren Start-up-Szene solle man sich nicht von Obstkorb und Tischkicker blenden lassen: In vielen jungen Start-ups habe Diversität und Gleichstellung noch zu wenig Platz. Trotzdem setze sich eine Erkenntnis immer mehr durch: „Diversität in der Spitze ist ein unternehmerischer Erfolgsfaktor. Firmen mit Frauen in Entscheidungspositionen schneiden besser ab, und zwar bezüglich Rendite, Marge, Börsenkurs. Firmen mit gemischten Führungsteams kommen zu erfolgreicheren Entscheidungen. Diversity ist ein unternehmerischer Erfolgsfaktor“, zitiert Theobald das baden-württembergische Sozialministerium.

 

Podiumsdiskussion: Mehr Frauen an die Spitze

Dass der Fachkräftemangel sich auch konkret auf die Erfolgsfaktoren für Frauenbeschäftigung auswirke, zeigt Dr. Birgit Buschmann (Leiterin Referat Wirtschaft und Gleichstellung, Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg) in der anschließenden Podiumsdiskussion auf: Indem zum Beispiel Fachkräfte in den Kitas und Schulen fehlen, finden Familien wenig geeignete Strukturen für ein erfolgreiches Arbeitsleben vor. Als wichtigen Faktor, der zu mehr Beschäftigung von Frauen führt, nennt sie die Unternehmenskultur, die sich mehr an den Bedürfnissen von Frauen ausrichten müsste.

Dass Frauen gute Chancen im naturwissenschaftlich-technischen Bereich haben, weil MINT-Fachkräfte in der Region Nordschwarzwald händeringend gesucht würden, bringt Petra Bauknecht (COO Medialesson GmbH) in die Diskussion ein. Mädchen für solche Berufe zu gewinnen, liege auch in der Hand der Eltern: Sie sollten ihre Töchter neugierig machen auf MINT-Fächer. Außerdem müssten Frauen sichtbarer werden und ihre Leistungen besser darstellen. Dabei helfe, sich Role Models (Vorbilder) zu suchen.

Isabelle Possehl (Geschäftsführende Gesellschafterin D M B O – Studio für Gestaltung GbR) geht auf die Gründung durch Frauen und die Unternehmenskultur in von Frauen geführten Firmen ein. Ein Unternehmen zu gründen heiße, selbst gestalten zu können und das Team mitzunehmen und zu begeistern. Frauen an der Spitze hätten dabei ein besseres Verständnis für Work Life Balance. Sie seien gleichzeitig auch wichtige Rollenvorbilder für andere Frauen. 

Die Podiumsdiskussion wurde moderiert von der der Leiterin der Kontaktstelle Frau und Beruf Nordschwarzwald, Marija Madunic.