Katrin Ilg und Holger Pagel teilen sich seit 17 Jahren Sorge- und Erwerbsarbeit gleichberechtigt auf. (Foto: Volker Lannert/Uni Bonn)
Drei Kinder, zwei engagierte Karrieren und ein Haushalt auf einer Hofstelle im ländlichen Raum – Katrin Ilg (49) und Holger Pagel (46) haben in den letzten 17 Jahren vorgemacht, wie partnerschaftliche Vereinbarkeit auch unter herausfordernden Bedingungen funktionieren kann. In unserem Interview sprechen die beiden offen und persönlich über flexible Rollenverteilungen, strukturelle Hürden und was sie anderen Paaren mit auf den Weg geben möchten.
Frau und Beruf: Frau Ilg, Herr Pagel, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch nehmen. Geben Sie uns doch zunächst einen kleinen Einblick in Ihre berufliche Laufbahn.
Katrin Ilg: Ich habe an der Uni Hohenheim Agrarbiologie studiert und dann an der TU Berlin im Bereich Bodenchemie promoviert. Dort habe ich Holger kennengelernt. Seit 2013 arbeite ich im Landesdienst des Umweltministeriums und leite derzeit das Amt für Wasserwirtschaft und Bodenschutz am Landratsamt Esslingen – mit einer 80%-Stelle. Ich glaube, ich bin momentan die einzige Amtsleiterin dort in Teilzeit.
Holger Pagel: Ich habe Technischen Umweltschutz an der TU Berlin studiert und anschließend an der Uni Hohenheim promoviert. Heute bin ich Professor an der Uni Bonn sowie Gruppenleiter am Forschungszentrum Jülich. Mein Fachgebiet ist die Bodensystemmodellierung – also die Entwicklung und Anwendung mathematischer Modelle zur Simulation von Bodenprozessen in Agrarökosystemen. Ich pendle aktuell zwischen Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.
Frau und Beruf: Ihre drei Kinder sind inzwischen 17, 16 und 14 Jahre alt und Sie haben in all den Jahren stets nach der Prämisse einer gleichberechtigten Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit gelebt. Wie kam es dazu?
Holger Pagel: Für mich war das von Anfang an selbstverständlich. Ich bin zum Teil in der DDR aufgewachsen und kannte das gar nicht anders, als dass beide Eltern arbeiten. Es war kein Thema, über das man groß diskutiert hat. Für mich war klar, dass wir beide berufstätig sind.
Katrin Ilg: Ich würde auch sagen, dass das bei uns keine bewusste Grundsatzentscheidung war, sondern eher ein gemeinsames Selbstverständnis. Ich habe studiert, promoviert und wollte auf jeden Fall arbeiten. Auch wenn wir schneller als geplant Eltern geworden sind, war uns beiden klar, dass wir das partnerschaftlich stemmen wollen.
Frau und Beruf: Wie haben Sie die Aufteilung im Alltag in den ersten Jahren gestaltet?
Katrin Ilg: In der ersten intensiven Familienphase, als die Kinder kurz nacheinander auf die Welt kamen, war ich nicht fest angestellt, habe aber einige freie Aufträge gehabt und so mein Elterngeld aufgebessert. Das heißt, in dieser Zeit war ich vorrangig für die Sorgearbeit zuständig. So konnte Holger an seiner Promotion arbeiten. Man muss dazu sagen: wir sind damals kurz nach der Geburt unseres ersten Sohnes in meine schwäbische Heimat auf die ehemalige Hofstelle meiner Eltern gezogen. Als unser jüngster Sohn in die Krippe kam, habe ich wieder eine Stelle gesucht. Eingestiegen bin ich mit einer 80%-Stelle am Landratsamt Heidenheim. Holger hat damals reduziert gearbeitet und den Großteil der Haushalts- und Betreuungsarbeit übernommen.
Holger Pagel: Glücklicherweise habe ich parallel zu unserem Umzug von Berlin nach Süddeutschland eine Promotionsstelle an der Uni Hohenheim bekommen. Bis 2021 habe ich mit maximal 75% Teilzeit gearbeitet, um sowohl für die Kinder da zu sein als auch Katrin bei ihrem beruflichen Wiedereinstieg zu unterstützen. Mit dem Antritt der Professur vor knapp zwei Jahren und dem damit verbundenen Pendeln bin ich zeitlich stark gebunden und Katrin ist momentan familiär wieder stärker gefordert. Aber natürlich sind die Kinder mittlerweile deutlich selbständiger.
Frau und Beruf: Welche Rolle spielte Ihr Umfeld?
Katrin Ilg: Wir leben auf dem Land und es gibt hier schon noch viele klassische Rollenmodelle. Unser Lebensmodell wurde jedoch nie offen kritisiert. Wichtig für uns ist, dass meine Mutter mit auf der Hofstelle lebt. Sie hat uns immer stark bei der Kinderbetreuung unterstützt.
Holger Pagel: Ja, das war wirklich eine große Hilfe. Sie hatte einen festen Tag in der Woche mit den Kindern und sprang auch bei Krankheiten ein. Und wir haben früh eine Haushaltshilfe eingestellt. Ohne das wäre es schwieriger gewesen.
Frau und Beruf: Gab es Phasen, die besonders belastend waren?
Katrin Ilg: Ja, vor allem die Zeit, als ich wieder eingestiegen bin und unsere Kinder in drei verschiedenen Einrichtungen betreut wurden. Das war logistisch der Wahnsinn. Ich war vier Tage die Woche ganztags weg, Holger hat den Großteil der Kinderbetreuung gestemmt. Natürlich muss man sich bewusst sein, dass Freizeit für längere Zeit Mangelware ist, wenn beide engagiert in ihren Berufen sind und gleichzeitig eine Familie versorgen - sowohl individuell als auch als Paar.
Holger Pagel: Meine Promotion hat aufgrund der Kinderbetreuung deutlich länger gedauert. Die partnerschaftliche Aufteilung erfordert sehr viel Kommunikation und Absprache und das kostet Zeit und Nerven. Aber aus heutiger Sicht hat es sich auf jeden Fall gelohnt.
Frau und Beruf: Wie sieht Ihr Alltag heute aus?
Holger Pagel: Ich bin meist drei Tage pro Woche in Jülich und Bonn und zwei Tage im Homeoffice. Die Kinder sind selbständiger, brauchen uns weniger – oft ist unser Engagement gar nicht mehr so erwünscht. (lacht)
Katrin Ilg: Aktuell bin ich wieder stärker in der Sorgearbeit präsent, aber das war so abgesprochen. Und in früheren Phasen war es genau andersrum. Ich habe weiterhin 80 % Arbeitszeit mit einem Homeoffice-Tag pro Woche.
Frau und Beruf: Wie organisieren Sie sich?
Holger Pagel: Wir haben keine speziellen gemeinsamen Tools, auch keinen digitalen Familienkalender oder so. Ich nutze einen digitalen Kalender und schenke Katrin jedes Jahr einen Papierkalender, da schreibt sie alles rein. Wir machen „anlassbezogene Jour fixes", wenn es etwas abzustimmen gibt.
Katrin Ilg: Und wir achten darauf, dass wir nicht gleichzeitig im Homeoffice sind, weil wir uns ein Arbeitszimmer teilen – und Holger ein bisschen lärmempfindlich ist. (lacht)
Frau und Beruf: Gibt es bei Ihnen feste Aufgabenverteilungen?
Katrin Ilg: Ja, durchaus. Ich mache die Finanzen und die Wäsche, Holger das Einkaufen und alles Handwerkliche. Kindergeburtstage fanden wir beide immer schrecklich – also haben wir sie gemeinsam gemacht: geteiltes Leid ist halbes Leid.
Holger Pagel: Und danach gab’s immer einen Schnaps (lacht). Unsere Kinder helfen inzwischen mit, aber es gibt auch Aufgaben, für die wir sie bezahlen. Brennholz stapeln zum Beispiel. Das Reifenwechseln mögen wir beide nicht – das übernimmt meist Katrins Bruder, der auch mit uns auf der Hofstelle lebt.
Frau und Beruf: Was hätte Ihnen gesellschaftlich geholfen, die gleichberechtigte Aufteilung einfacher zu bewältigen?
Katrin Ilg: Ganz klar: bessere Kinderbetreuung. Vor allem abgestimmte Betreuungszeiten von Krippe, Kindergarten und Schulen innerhalb einer Gemeinde und mehr Ganztagsangebote. Die Ferien waren immer besonders herausfordernd.
Holger Pagel: Auch der Wechsel vom Kindergarten zur Grundschule war schwierig, weil die Betreuungszeiten für uns noch schlechter wurden.
Frau und Beruf: Und was hat es Ihnen erleichtert?
Holger Pagel: Meine zeitliche Flexibilität im Wissenschaftsbetrieb war ein großer Vorteil. Es zählt dort das Ergebnis. Dies bedeutet aber gleichzeitig, dass ich häufig abends und am Wochenende gearbeitet habe.
Katrin Ilg: Und für mich war die Zeiterfassung im öffentlichen Dienst Gold wert. So gab es einen klaren Rahmen, wann ich arbeite. Hätten wir beide so flexibel gearbeitet wie Holger, hätte es mehr Konflikte gegeben. Und an dieser Stelle möchte ich unbedingt noch ergänzen: Bei allen Klagen über den öffentlichen Dienst, Verwaltung und Bürokratie kann ich nur sagen: Ich habe dort sehr positive Erfahrungen gemacht. Ich hatte nie das Gefühl, wegen Teilzeit oder Familie auf dem Abstellgleis zu stehen. Der öffentliche Dienst hat mir gute Entwicklungs- und Aufstiegsmöglichkeiten geboten.
Ich muss aber betonen, dass dazu auch eine gewisse Leistungsbereitschaft gehört. Ich arbeite seit Jahren in Teilzeit auf Vollzeitstellen – es stand nie zur Diskussion, ob ich deshalb weniger Aufgaben übernehme. Im Gegenteil: Es wurde mehr oder weniger stillschweigend vorausgesetzt, dass ich 100 % leiste.
Frau und Beruf: Welche Tipps geben Sie anderen Paaren mit?
Katrin Ilg: Augen auf bei der Partnerwahl. (lacht) Und: Männer sollten viel öfter Teilzeit arbeiten. Ich halte generell mindestens 70 % für erforderlich, um als vollwertiges Teammitglied wahrgenommen zu werden. Außerdem sollten Frauen Gleichberechtigung viel klarer einfordern. Das Argument‚ „ich verdiene weniger, also bleibe ich zuhause“ sollte nicht gelten. Kinderbetreuungskosten oder Einkommenseinbußen durch Teilzeit sind gleichzeitig Investitionen in die Zukunft. Die Berufstätigkeit beider Partner sollte gleich viel wert sein – unabhängig von Gehalt oder Titel.
Grundsätzlich rate ich jeder Frau sowohl im Job als auch zu Hause: 1. gut priorisieren, 2. nicht perfektionistisch sein (80 % Qualität müssen reichen), 3. entspannt bleiben – auch wenn die Aufgaben sich auftürmen.
Und: Familie hilft dabei, sich selbst und den Job nicht zu wichtig zu nehmen. Wenn man abends nach Hause kommt und gleich von allen Seiten gebraucht wird, schaltet man automatisch um. Das ist gleichzeitig anstrengend und entspannend.
Holger Pagel: Ich kann Väter nur zu einem gleichberechtigten Anteil an der Sorgearbeit ermutigen. Die Zeit mit kleinen Kindern ist endlich. Wer sie verpasst, bekommt sie nicht zurück. Ich bin froh, dass ich so viel Zeit mit meinen Kindern hatte. Auch unsere Kinder sehen uns als gleichberechtigte Elternteile. Aber ähnlich wie Katrin würde ich auch sagen: Finger weg von 50%-Stellen, 75% und mehr ist ideal, um sich sowohl beruflich zu engagieren als auch als Eltern die Aufgaben gut aufzuteilen.
Frau und Beruf: Wenn Sie zurückblicken – war es der richtige Weg?
Katrin Ilg: Absolut, ich habe es nie bereut. Ich hatte Glück mit meinen Arbeitgebern und konnte acht Jahren nach meinem Start in der Verwaltung ein Amt mit 30 Mitarbeitenden übernehmen. Aber ich muss auch sagen, dass meine Stelle im öffentlichen Dienst ein Glücksgriff war. Das wurde mir erst mit der Zeit so richtig bewusst.
Holger Pagel: Uns geht es heute beruflich, finanziell und familiär gut. Ich denke, das ist ganz wesentlich ein Ergebnis unserer gemeinsamen Anstrengungen.
Frau und Beruf: Herzlichen Dank für das offene Gespräch und die vielen ehrlichen Einblicke!
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