Die Kontaktstellen Frau und Beruf und die Beauftragten für Chancengleichkeit am Arbeitsmarkt aus den Arbeitsagenturen und Jobcentern diskutierten, wie sie Betriebe besser für das große Fachkräftepotenzial von Frauen sensibilisieren können. (Foto: Romy Kam)
Mitte Juni kamen die Beauftragten für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt aus den Arbeitsagenturen und Jobcentern mit den Leiterinnen der Kontaktstellen Frau und Beruf zum gemeinsamen Workshop zusammen. In dem regelmäßigen Format tauschen diese zentralen Beratungsstellen Wissen aus, erarbeiten Synergien und Schnittstellen, um sowohl Frauen zu beruflichen Chancen und Perspektiven als auch Unternehmen im Land zur Fachkräftesicherung bestmöglich zu beraten.
Die zentralen Fragen in der neunten Auflage? Wie können Arbeitsagenturen, Jobcenter und Kontaktstellen Frau und Beruf einerseits die Unternehmen noch besser für das Fachkräftepotenzial von Frauen sensibilisieren? Wie können andererseits die Frauen mit Blick auf die Anforderungen der Unternehmen gezielter beraten werden, um ihre wirtschaftliche Eigenständigkeit durch Erwerbstätigkeit weiter voranzutreiben?
Denn, so machte der Impulsvortrag von Dr. Jochen Späth, Geschäftsführer des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung e.V. (IAW) an der Universität Tübingen, deutlich: im Jahr 2024 waren zwar 47% der Frauen in Baden-Württemberg sozialversicherungspflichtig beschäftigt und damit drei Prozentpunkte mehr als noch im Jahr 2011. Allerdings arbeitet davon gut die Hälfte in Teilzeit, dreimal so häufig wie Männer. Und das obwohl Frauen heute oft bessere Abschlüsse erreichen als Männer. Hinzu kommt laut Studie des IAW, dass Frauen überdurchschnittlich oft im schlechter bezahlten Dienstleistungs- oder Gesundheits- und Sozialsektor arbeiten. Das hat langfristig Nachteile: Frauen erzielen geringere Lebenseinkommen und damit geringere Rentenbezüge, was zu Altersarmut führen kann. Unternehmen wiederum geht durch das geringe Stundenvolumen bei Frauen wichtiges Fachkräftepotenzial verloren.
Ein zentraler Hebel dem entgegenzuwirken, sind laut Studie Vereinbarkeitsmaßnahmen in den Betrieben. Denn der überwiegende Teil der Frauen kann aufgrund ihres hohen Anteils an Sorgearbeit in der Familie ihre Arbeitszeit nicht aufstocken und somit die wirtschaftliche Eigenständigkeit verbessern. Dr. Jochen Späth zeigt, dass baden-württembergische Betriebe mit mindestens einer Maßnahme zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf -bereinigt um weitere Faktoren- im Durchschnitt einen höheren Frauenanteil bei den Neueinstellungen aufweisen als Betriebe ohne Maßnahmen. 63 Prozent der baden-württembergischen Betriebe bieten mindestens eine solche Maßnahme an. Besonders häufig sind mit 56 Prozent der baden-württembergischen Betriebe familienfreundliche Arbeitszeitmodelle.
Warum also lassen sich noch rund 37% der kleinen und mittleren Betriebe diesen Wettbewerbsvorteil entgehen und wie ließe sich das ändern? Und an welchen Stellen können Frauen weiter ermächtigt werden, ihre wirtschaftliche Eigenständigkeit zu verbessern?
Darüber diskutierten anschließend Sabine Schultheiß, Geschäftsführerin Operativ der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit, Ines Wolf-Vetter, Leiterin Personal bei der IHK Nordschwarzwald, Karin Pöhler, Projektleiterin Handwerk BW sowie Sirid Böhm, Projektleiterin bei der IPAI Foundation gGmbH mit Dr. Jochen Späth.
Einige der wichtigsten Erkenntnisse:
Am Nachmittag erarbeiteten die Kontaktstellen Frau und Beruf und die Beauftragten für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt Ideen und Ansätze, wie das bei ihnen vorhandene Wissen rund um die Potenziale der Frauen als Fachkräfte sowohl den Unternehmen besser vermittelt werden als auch den Frauen klar gemacht werden könnte, dass nachhaltige Erwerbstätigkeit ein wichtiger Schlüssel zu wirtschaftlicher Eigenständigkeit ist. Wesentliche Hürde für den besseren Zugang der Kontaktstellen und Chancengleichheits-Beauftragten zu Unternehmen sei dabei, dass gerade kleine und mittlere Unternehmen entweder mit so vielen anderen Fragen des Betriebsalltags beschäftigt sind, dass ihnen keine Zeit für diese strategischen Themen bleibt oder sich gerade in ländlichen Gebieten traditionelle Rollenmuster hartnäckiger halten als erhofft. Eine Möglichkeit sehen die Multiplikatorinnen darin, Themen ihrer Veranstaltungsangebote stärker zu bündeln und zu kombinieren, um den Teilnahmemehrwert für Unternehmen zu steigern.
Der Zugang zu den Frauen wiederum ist sehr gut. Hier liegen weitere Potenziale vor allem in der individuell passgenauen Beratung oder Weitervermittlung an die jeweils andere Beratungsstelle und darin, Frauen immer wieder zu ermutigen, dass sie sich alle beruflichen Herausforderungen oder Positionen zutrauen dürfen, Forderungen nach Vereinbarkeit stellen dürfen und ebenfalls Chancen abseits der beruflichen Klischees ergreifen dürfen.