„Ich habe Erfahrung und bin qualifiziert. Das will ich nicht verlieren.“
Anna Nazarenko hat es erst einmal geschafft. Die studierte Bauingenieurin aus der Ukraine arbeitet heute als Innenarchitektin in einem Projektbüro in Heidenheim. Dass sie an diesem Punkt steht, hat sie natürlich sich selbst, der Unterstützung ihrer Mentorin Diana Perciun und der Kontaktstelle Frau und Beruf in Heidenheim zu verdanken.
„Es war am Anfang schwierig, dass ich keine Arbeit hatte. Ich bekam Bürgergeld, das war für mich mental schwierig. Ich wollte aber nicht putzen gehen, sondern in meinem Beruf arbeiten. Ich habe Erfahrung und bin qualifiziert. Das wollte ich nicht verlieren“, beschreibt Anna Nazarenko ihre damalige Situation.
Eine deutsche Ansprechpartnerin in der Flüchtlingsinitiative Heidenheim empfiehlt Anna Nazarenko die Kontaktstelle Frau und Beruf Heidenheim. Im Rahmen der dortigen kostenfreien Beratung wird das Mentorinnen-Programm angesprochen. Über die Online-Informationsveranstaltung bewirbt sich Anna Nazarenko als Mentee.
Ich suchte eine Anlaufstelle, um die Sprache zu lernen und eine Arbeit zu finden. Außerdem habe ich nach einer Beratung gesucht, um mich hier mit meinem Mann selbstständig machen zu können.
Auch ihre Mentorin Diana Perciun hatte bereits als Mentee an dem Programm teilgenommen und über dieses ihren „Traumjob“ in der Buchhaltung der Diakonie gefunden. Sie kommt aus der Republik Moldau, hat dort Informatik und Fremdsprachen studiert. 2011 kam sie nach Deutschland und hat verschiedene Bürotätigkeiten, Weiterbildungen und Sprachkurse gemacht. Am Nachmittag betreut sie in einer Grundschule zudem zwei Stunden Schülerinnen und Schüler nach dem Unterricht. 2024 baut sie im Nebenerwerb gemeinsam mit ihrem Mann einen Onlineshop für biologische Olivenöle und Tees auf. „Mit diesen Erfahrungen wäre Diana Perciun eine ideale Mentorin für Anna Nazarenko“, denkt sich Programmkoordinatorin Karin Niederführ von der Kontaktstelle Frau und Beruf Heidenheim und bringt die beiden zusammen.
Es funkt auf Anhieb. Da sind sich Mentorin und Mentee einig.
Mir hat dieser Mensch von Anfang an gefallen. Ich habe gedacht, wenn es auf menschlicher Ebene passt, wird es auch mit dem Rest klappen. Und so war es. Wir treffen uns immer noch.
Zu Beginn der gemeinsamen Arbeit liegt der Fokus auf dem Aufbau einer möglichen Selbstständigkeit in Deutschland. In der Ukraine hatte Anna Nazarenko nach dem Studium als Leiterin in einem Architekturbüro mit Führungsverantwortung gearbeitet. „Das war ein Traum. Das Büro war nicht so groß, ich hatte ein Team von vier Leuten“, erzählt sie. „Danach habe mit meinem Mann zusammengearbeitet. Er hatte in der Ukraine ein Geschäft mit Baumaterialien. Das war eine gute Kombination. Wir waren 15 Jahre selbstständig.“
Anna Nazarenko und Diana Perciun recherchieren bei der IHK, dem Finanzamt, holen Erfahrungsberichte bei Freunden und Bekannten ein, ob sich die Selbstständigkeit lohnt. „Aber das Grundproblem war die Sprache. Wenn Du selbstständig bist, musst Du mit jedem reden und die korrekten Fachbegriffe kennen. Denn es ist viel Geld im Spiel. Und wenn es dann Missverständnisse gibt, wird es wirklich schwierig“, fasst Diana Perciun ihren Eindruck zusammen. Sie schlägt ihrer Mentee vor, erst einmal angestellt zu arbeiten, Erfahrungen zu sammeln und die Sprachkenntnisse zu erweitern. „Anna sagte zu mir: Wie kann ich den Menschen erklären, dass ich nicht so dumm bin, wenn ich in meiner Sprache sprechen könnte…! Und ich habe gesagt: Indem Du noch besser Deutsch lernst!“, erinnert sich Diana Perciun.
Auch im Bewerbungsprozess unterstützt sie ihre Mentee – praktisch, aber vor allem mental.
Ich bin ein Mensch, der Ansporn von außen braucht. Und Diana hat mich immer nach vorne gepusht. Sie ist eine starke Frau mit Zielen im Leben. Sie ist ein Vorbild.
Anna Nazarenko nimmt dankbar an allen organisierten Veranstaltungen der Kontaktstelle teil. Dort liegt der Fokus, neben den fachlichen Inhalten, auf dem persönlichen Austausch und dem Sprechen miteinander, und das ihr sehr wichtig.
Sie bewirbt sich bei Küchenstudios und Möbelhäusern. Sie bekommt Absagen. Doch dann klappt es mit einem Minijob als Bauzeichnerin bei einer Firma, die Natursteine bearbeitet. Neuen Schwung in den Bewerbungsprozess bringt eine persönliche Empfehlung von der Kontaktstelle Frau und Beruf Heidenheim in ein frauengeführtes Projektbüro mit einer Stelle als Projektleiterin.
Anna Nazarenko bekommt den Job! Sie beginnt zunächst mit einer Teilzeitstelle. Heute arbeitet sie dort in Vollzeit. Doch das ist nur möglich, weil ihr Mann zu Hause ist und sich um die Tochter kümmern kann.
Das Projektbüro ist im Innenausbau im Medizinbereich tätig. Anna Nazarenko plant und zeichnet die Praxisräume mit der Platzierung der medizintechnischen Geräte, die Möblierung und Lagerungshilfen. „Meine Stelle derzeit gefällt mir sehr gut. Das ist wie früher. In der Ukraine habe ich als Innenarchitektin gearbeitet. Jetzt mache ich das Gleiche, nur in einem anderen Bereich. Alles passt…nur eben ohne schöne Dinge“, erzählt sie. „Aber ehrlich gesagt, ist es mit der neuen Sprache schwierig für mich. Ich muss alles verstehen, meine Meinung darlegen und die Fachbegriffe können. In der Muttersprache ist das ok, so ist es recht schwer“, sagt Anna Nazarenko. Doch sie habe eine sehr nette Chefin, die sie auch mit diesen Schwierigkeiten unterstütze.
Um beruflich weiterzukommen, braucht Anna Nazarenko noch die Anerkennung ihres Diploms, damit sie eine Zulassung der Architektenkammer bekommen kann. „Das wird schwierig. Ich muss zur Ruhe kommen und überlegen, wieviel Kraft ich noch habe, das zu versuchen.“
Diese Situation kennt Mentorin Diana Perciun. Ihre eigene Erfahrung als Mentee fließt in ihre Arbeit als Mentorin ein.
Diese Situation kennt Mentorin Diana Perciun. Ihre eigene Erfahrung als Mentee fließt in ihre Arbeit als Mentorin ein. „Die Frauen, die nie in der Position einer Mentee waren, haben eine andere Perspektive. Sie arbeiten vielleicht etwas strenger nach einem Plan. Ich selbst war zwei Mal in dieser Situation. Wenn eine Frau das Land wechselt, braucht sie zuerst einen Menschen, mit dem sie reden kann. Die Fragen der Bürokratie und der Unterlagen kommen erst an zweiter Stelle.“ Eine Mentorin brauche sehr viel Mut, den sie an die Mentee weitergeben kann; um die Mentee zu motivieren und ein Beispiel zu geben. Diana Perciun erzählt: „Bei der Einführung der Mentorinnen wurde gesagt: „Stellt Euch vor, ihr sitzt auf einem Tandem. Da sitzt die Mentee vorne und steuert das Lenkrad und die Mentorin sitzt hinten und unterstützt.“ Das ist die Theorie. In der Praxis ist es nicht immer so.“
Für sie ist es am wichtigsten, dass die Frauen ihren Wert erkennen und nicht aufgeben.
Selbst mit wenig Deutsch kann man sich Unterstützung suchen. Mut haben. Einfach fragen. Nicht morgen. Jetzt.
Das ist auch die Botschaft von Mentee Anna Nazarenko: „Geht raus, werdet aktiv, sucht euch Unterstützung! Es geht nicht darum, um etwas zu bitten, sondern darum, Informationen zu bekommen, was ich tun muss, wohin ich gehen muss, um weiterzukommen. Es geht um Unterstützung auf Augenhöhe.“
Anna Nazarenko will dranbleiben. Sie will in einem Samstags-Kurs ihr Deutsch verbessern. Ihre Tochter redet und liest nur auf Deutsch. Als die Familie im Jahr 2022 kam, war sie zunächst ein Jahr in der Kita und besucht mittlerweile die dritte Klasse. Die Familie knüpft soziale Kontakte - über Annas Arbeit, die Schule der Tochter. Sie besucht einen Sportverein. Dort treffen sie Leute und reden. Sie wollen sich der neuen Kultur öffnen, ohne ihre eigene Kultur zu vergessen.
Ich kann für die Unterstützung nur Danke sagen. Insbesondere Diana und der Kontaktstelle Frau und Beruf.
Kontaktstelle Frau und Beruf Ostwürttemberg – Heidenheim im März 2026
Informationen zur Kontaktstelle Ostwürttemberg – Heidenheim
Anna Nazarenko (li.) und Diana Perciun (r.); Foto: privat
Sie wollen auch Mentorin oder Mentee werden? Hier finden Sie alle Informationen zum Mentorinnen-Programm für Migrantinnen.