Johanna Flügel und Eleni Charisi

„Ich kann meinen Weg finden, wenn ich ein Ziel habe!“

Eleni Charisi lebt seit fünf Jahren in Deutschland und hat nach der Elternzeit mit Unterstützung ihrer engagierten Mentorin Johanna Flügel eine Anstellung als Maschinenbauingenieurin gefunden.

„Ich habe mich im Internet über mögliche Hilfsangebote für ausländische Frauen informiert und bin dabei auf das Mentorinnen-Programm für Migrantinnen gestoßen“, erinnert sich die Mutter eines vierjährigen Sohnes. „Mein Ziel war, nach Beendigung der Elternzeit, eine Arbeit hier in Deutschland zu finden. Und bei der Kontaktstelle Frau und Beruf in Heilbronn-Franken zu erfragen, ob ich Teil des Programms werden kann!“ Währenddessen war Eleni Charisi nicht untätig und begann eine sechsmonatige Weiterbildung in einer Software für Maschinenbauzeichnung, um nach der Erziehungszeit auf dem deutschen Arbeitsmarkt durchstarten zu können.

Das Matching
Simone Rieß von der Kontaktstelle Heilbronn-Franken matchte die Maschinenbauingenieurin mit Johanna Flügel, die als Assistentin bei einem Produzenten von Verbindungsteilen arbeitet. „Frau Rieß fragte, ob ich mich als Mentorin engagieren möchte. Anfangs war ich skeptisch, weil ich selbst keine Migrationsgeschichte habe und Angst hatte, keine Verbindung aufbauen zu können. Schließlich habe ich keine Idee von der Lebensrealität einer migrantischen Frau“, rekapituliert die 40-Jährige. „Andererseits hatte ich in meinem Leben sehr viel Glück und das Bedürfnis, etwas zurückzugeben von den guten Erfahrungen, die ich machen durfte.“

Frau Flügel ist mit ihrer Erfahrung und ihrem umfangreichen Wissen über den regionalen Arbeitsmarkt Heilbronn-Franken eine echte Bereicherung für das Mentorinnen-Programm

Simone Rieß, Leiterin Kontaktstelle Frau und Beruf Heilbronn-Franken

Das erste Treffen
„Mir war es wichtig, persönlich zusammenzukommen, um sich besser kennenlernen und austauschen zu können“, berichtet Johanna Flügel. „Vor unserem ersten Treffen hatte ich Angst, ob Johanna und ich uns gut verstehen und ein Team sein werden. Aber als ich angefangen habe zu reden, war alles gut. Johanna war sehr aufmerksam, hat sich Notizen gemacht und mich in meinem Vorhaben bestärkt. Sie ist eine sehr starke und durchsetzungsfähige Frau, ein echtes Vorbild. Ich bin froh, dass ich die Chance bekommen habe, mit ihr zusammenzuarbeiten“, führt Eleni Charisi aus.

Das Tandem traf sich in einem Café und sprach erst einmal grundsätzliche Dinge durch, klärte Erwartungen und fixierte gemeinsame Ziele. Dabei halfen dem Tandem die praxisorientierten Handreichungen der Instrumentenmappe, die allen Teilnehmerinnen des Programms zur Verfügung gestellt werden.

Die Struktur, die wir durch die gute Programmorganisation der Kontaktstelle mit auf dem Weg bekommen haben, war sehr hilfreich

Johanna Flügel

„Wir haben Schritt für Schritt geplant, was wir tun werden: ein Fotoshooting für ein besseres Bewerbungsfoto, die Erstellung eines LinkedIn-Profils, die Überarbeitung meiner Bewerbung und das Aufschreiben aller meiner Erfahrungen, einschließlich meiner Weiterbildung hier in Deutschland.“ „Anfangs hatte ich häufig den Reflex zu sagen: ‚Gib mir Lebenslauf und Anschreiben und ich überarbeite das‘, aber das ist ja der falsche Weg“, merkt Johanna Flügel an. „Die Mentees müssen die Chance haben, einen eigenen Antrieb zu entwickeln und sich selbst verantwortlich zu fühlen. Ich als Mentorin darf nicht bevormundend sein, sondern unterstütze dabei, Selbstbewusstsein aufzubauen und zu motivieren“.

Gemeinsam Licht ins Dunkle bringen
„Eleni wollte, wenn sie keine Anstellung als Ingenieurin findet, eine Ausbildung zur Lagerfachkraft machen. Da habe ich ihr Mut zugesprochen und betont, dass sie sich nicht unter Wert verkaufen soll. Schließlich ist sie eine hochqualifizierte Akademikerin mit einem europäischen Abschluss, der in Deutschland anerkannt wurde“, betont Johanna Flügel.

„Als ich eine Liste mit den Aufgaben einer Maschinenbauingenieurin in Deutschland machte, war ich total verwirrt: Hier arbeiten Ingenieurinnen sehr spezialisiert und in festen Aufgabenfeldern. In Griechenland ist es so, dass eine Maschinenbauingenieurin alles macht“, erklärt Eleni Charisi die Unterschiede.

„Wie funktioniert der deutsche Arbeitsmarkt? Wie schreibe ich Bewerbungen? Wie läuft der Bewerbungsprozess in Deutschland? Das sind Fragen, die sehr komplex sind und überfordern können. Da konnte ich Eleni durch mein Erfahrungswissen Orientierung und Struktur geben, das hat mich sehr gefreut. Ich habe Richtungen, Möglichkeiten und Optionen aufgezeigt – und dann wurde Eleni selbst aktiv. Sie hat unglaublich viel Eigenengagement gezeigt!“, erinnert sich die Johanna Flügel.

Das Praktikum
Sie gab ihrer Mentee den Tipp, sich für ein Praktikum bei ihrem Arbeitgeber zu bewerben: „Ich wusste, dass Eleni engagiert und fachlich versiert ist. Da lag es nahe, den Kontakt herzustellen. Kompetente Fachkräfte werden immer gebraucht“, stellt Johanna Flügel fest. Aus dem weiteren Bewerbungsprozess hielt sie sich raus und gab Eleni Charisi die Chance, die Personalverantwortlichen selbst von sich zu überzeugen. Der Plan ging auf: Die Maschinenbauingenieurin bekam die Möglichkeit, ein mehrmonatiges Praktikum im Unternehmen zu absolvieren und im Arbeitsalltag ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen!

Die größte Herausforderung war die Suche nach einem Kindergartenplatz in Vollzeit. „Frau Charisi hat einen kleinen Sohn im Kindergartenalter, einen berufstätigen Partner und kein soziales Netz, das bei der Betreuungsarbeit unterstützen könnte – und es gab keinen Kindergartenplatz in der Nähe! Wie soll man da ein mehrmonatiges Praktikum absolvieren? Das war ein Problem, das uns stark beschäftigt hat. Insbesondere, weil es so viele bürokratische Barrieren zu überwinden galt.“ Schließlich konnte das Team auch hierfür eine gute Lösung finden!

Sechs Wochen nach Praktikumsbeginn musste Eleni Charisi am Sprunggelenk operiert werden: „Ich war sehr gestresst, weil der Unfall zu einem ungünstigen Zeitpunkt kam. Mein Mann und ich hatten uns gerade für einen Umzug entschieden, um näher an meinem Arbeitsplatz zu wohnen. Es war eine Risikoentscheidung – und dann konnte ich wegen der Operation nicht mehr arbeiten! Während dieser Zeit hat mich meine Mentorin sehr unterstützt und Kontakt gehalten. Auch mit meinem Chef stand ich ständig im Austausch, um den Anschluss nicht zu verlieren“.

Trotz aller Widrigkeiten zum Traumjob
Die Mühen sollten sich bezahlt machen: Nach dem Praktikum konnte sich Frau Charisi erfolgreich auf eine offene Stelle bewerben.

Meine Mentee wusste, was sie will und hat mit Mut und Beharrlichkeit bewiesen, dass sie auf dem deutschen Arbeitsmarkt als Maschinenbauingenieurin Fuß fassen kann

Johanna Flügel

„Ich habe mit einem Einarbeitungsplan im November 2022 meine neue Stelle angetreten. Das war eine sehr herausfordernde Zeit: Als Frau in einem Männerberuf und als Mutter mit einem Kleinkind ist es nicht immer einfach. Aber ich habe gelernt, dass ich meinen Weg finden kann, wenn ich einen Plan, ein Ziel und die richtige Unterstützung habe“, bemerkt Eleni Charisi voller Zuversicht und Freude über die berufliche Chance.

Ab und an bereitet Eleni Charisi die deutsche Fachsprache Probleme: „Ich arbeite sehr viel auf Deutsch, aber manchmal fallen mir bestimmte Technikbegriffe nicht ein. Dann kann ich Englisch sprechen, das ist super“. Eleni Charisi überlegt, ihren Master nachzuholen, wenn ihr Kind in der Grundschule ist.

Eine fruchtbare Zusammenarbeit
"Eine wichtige Erkenntnis, die ich durch die Tandempartnerschaft gewonnen habe, ist die Fähigkeit, andere Meinungen, Ideen und Lebensentwürfe zuzulassen und zu akzeptieren. Ich bin sehr dankbar für diesen Lerneffekt. Obwohl Eleni und ich charakterlich ganz unterschiedlich sind, haben wir gelernt, unsere Unterschiede als Chance zu sehen und Verständnis füreinander zu entwickeln", resümiert Johanna Flügel.

Auch Eleni Charisi blickt positiv auf die gemeinsame Zeit zurück.

Ich habe Frau Rieß und meine Mentorin kennengelernt und bin beeindruckt von der Erfahrung und Kompetenz, die beide in ihrem Bereich haben. Es war auch eine großartige Gelegenheit, andere Frauen kennenzulernen und zu netzwerken. Durch die vielen Begegnungen habe ich gelernt, dass jede Frau unterschiedliche Lebensumstände und Bedürfnisse hat und nicht alle gleich sind

Elena Charisi

Und wer weiß, vielleicht wird sich Eleni Charisi in Zukunft auch als Mentorin im Programm engagieren: „Im Moment bin ich noch damit beschäftigt, mich in meiner neuen Arbeit einzuleben, mein Deutsch zu verbessern und anzukommen. Aber wenn sich die Möglichkeit ergibt, gebe ich mein Wissen und meine Erfahrungen gerne weiter, um auch für andere Frauen da zu sein!“

Der Ablauf des Programms
Der Mentoringprozess ist auf rund neun Monate angelegt. Als Mentee können sich Frauen mit Migrationshintergrund bewerben, die aufgrund ihres Aufenthaltsstatus Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt haben und deutsche Sprachkenntnisse (mind. B1) sowie eine berufliche Qualifikation mitbringen. Als Mentorinnen können sich berufstätige Frauen, gerne mit eigenem Migrationshintergrund, beteiligen, die mindestens zwei Jahre Erfahrung im Job mitbringen.

Das Mentorinnen-Programm wird von den landesweit neun Kontaktstellen Frau und Beruf koordiniert. Sie haben sich als Anlaufstellen für alle Frauen etabliert und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Integration von Frauen ins Erwerbsleben.

Das Mentorinnen-Programm startet immer im März. Die Kennenlerngespräche finden im Februar statt. Interessentinnen aus der Region Heilbronn-Franken wenden sich direkt an die Kontaktstelle Heilbronn-Franken: s.riess(at)heilbronn-franken.com .

Hintergründe zum Mentorinnen-Programm für Migrantinnen und wie Sie mitmachen können, finden Sie hier.


Kontaktstelle Frau und Beruf Heilbronn-Franken, Januar 2023

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