„Man ist nie zu erfahren oder zu gut für ein Mentoring“
Lidwine Reustle nimmt im Sommer 2024 als Mentee am Mentorinnen-Programm für Migrantinnen der Kontaktstelle Frau und Beruf in Heilbronn teil. Dabei ist sie eigentlich eine beruflich sehr erfolgreiche Frau.
Eine Rückschau: Lidwine Reustle wohnt in München und ist als Mentorin, Coach und Trainerin selbstständig. Sie unterstützt Frauen, die ihr eigenes Business gründen wollen. Im Jahr 2011 gründet sie ein Netzwerk für selbstständige Frauen. Die Gruppe wächst im Laufe der Zeit auf rund 800 Frauen an. In München ist sie bestens vernetzt.
Dann zieht sie mit ihrem Mann nach Göppingen, der dort eine neue Stelle antritt. Aufgrund ihrer bisherigen beruflichen Erfahrung ist sie dort erfolgreich mit ihrer Bewerbung als Gleichstellungsbeauftragte für den Kreis. Lidwine Reustle bekommt zwei Töchter, geht in Erziehungszeit und die Familie zieht nach Heilbronn.
Dort habe ich das erste Mal als Mutter eine Stelle gesucht. Ich wollte eine Stelle finden, in der ich in Teilzeit arbeiten kann, die meinen Kompetenzen entspricht und wo ich gut verdiene. Das war meine Vision.
Bisher hatte sie in Vollzeitstellen gearbeitet. Nun möchte sie in Teilzeit arbeiten, da ihr Mann beruflich stark eingebunden ist und die Carearbeit nur begrenzt leisten kann. „Für mich war es der bisher längste Bewerbungsprozess. Der Arbeitsmarkt reagiert nicht sehr positiv auf eine Anstellung in Teilzeit“, erinnert sich Lidwine Reustle. „Das Thema kenne ich als ehemalige Gleichstellungsbeauftragte. Aber das Ausmaß hatte ich selber noch nie erlebt. Ich hatte bisher nie mehr als fünf Bewerbungen geschrieben, bis ich eine Stelle gefunden habe.“
Als ehemalige Gleichstellungsbeauftragte kennt sie das Mentorinnen-Programm der Kontaktstellen Frau und Beruf und bewirbt sich als Mentee bei der Kontaktstelle Heilbronn-Franken.
Ihre Mentorin Ute Wichmann ist eine Frau der ersten Stunde. Seit zehn Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich als Mentorin in diesem Programm. In ihrer aktiven beruflichen Zeit arbeitet die studierte BWL-Frau als Consultant und in der Unternehmensentwicklung eines international tätigen Konzerns. Dort coacht sie „inoffiziell“ junge Kolleginnen. Als die Kontaktstelle Frau und Beruf Mentorinnen sucht, meldet sie sich und bleibt dabei. „Ich brenne für dieses Ehrenamt“, sagt Ute Wichmann, die 2026 in die passive Phase ihrer Altersteilzeit gewechselt ist.
Die beiden Frauen lernen sich als Tandem-Partnerinnen in der Kontaktstelle Frau und Beruf in Heilbronn kennen. Das passgenaue Matching durch die Kontaktstelle legte dabei den Grundstein für die erfolgreiche Zusammenarbeit der beiden.
Bei dem ersten Treffen war ich offen und neugierig und wusste, worum es MIR geht: Anzukommen.
„Für jeden Neuanfang braucht es ein Netzwerk. Und Ute war in Heilbronn gut vernetzt. Zudem hat sie mir Mut gemacht: Es gibt Momente, in denen man doch von Selbstzweifeln geplagt ist. Ich suchte eine Begegnung auf Augenhöhe und in der Begleitung absolute Offenheit und ein ehrliches Feedback“, sagt Lidwine Reustle.
„Für mich war das Treffen ein Aha-Erlebnis, als Lidwine von ihren bisherigen beruflichen Erfahrungen erzählte,“ sagt Ute Wichmann. „Deshalb war es wichtig zu klären, an welcher Stelle ich sie unterstützen kann.“ Eine besondere Herausforderung sei es gewesen, dass Lidwine ausschließlich eine Halbtagsstelle suchte. In der Region gebe es viele große Unternehmen, die allerdings kaum Halbtagsstellen ausschrieben, um sie den eigenen Mitarbeiterinnen freizuhalten, so Ute Wichmann.
Zunächst geht es für Lidwine Reustle jedoch um eine Standortbestimmung. Sie hat die Idee, aus der Gleichstellungsarbeit heraus in den Personalbereich eines Unternehmens zu wechseln. Gemeinsam mit Ute Wichmann überarbeitet sie ihre Bewerbungsunterlagen, denn die letzte Bewerbung liegt mittlerweile fast zehn Jahre zurück.
Das Tolle ist, dass wir in Heilbronn Mentorinnen haben, die im Personalbereich tätig sind. Die konnten wir in Gespräche einbeziehen und auch die Bewerbungsunterlagen gegenchecken lassen.
Lidwine Reustle schreibt Personalabteilungen an, die eine Stelle als Elternzeitvertretung ausschreiben, mit dem Hintergedanken, nach der Rückkehr der Stelleninhaberin als Tandem weiterarbeiten zu können. Sie bietet ein erhöhtes Stundenkontingent in Teilzeit an. Nach Rücksprache mit ihrem Mann bewirbt sie sich schließlich auch auf Vollzeitstellen. Erst dann kommen erste Einladungen zu Vorstellungsgesprächen. Doch die passende Stelle ist bis zu diesem Zeitpunkt nicht dabei.
Mein Lebenslauf ist sehr vielfältig und dadurch war es möglich, in verschiedene Richtungen zu gehen.
Vor 25 Jahren kam sie aus Benin nach Deutschland. „Das wird persönlich und beruflich immer eine Rolle für mich spielen“, sagt sie. „Das ist Teil meiner Identität.“ Und in diesem Fall hilft es ihr dabei, ihre neue Stelle zu bekommen. Ausschlaggebend für den Erfolg ist jedoch ihre Fähigkeit, kreative und unkonventionelle Wege zu gehen, als sie die Ausschreibung einer 100-Prozent-Stelle für eine Integrationsbeauftragte findet. Sie „überredet“ eine Bekannte, sich gemeinsam mit ihr als Tandem auf diese Stelle zu bewerben. „Wir sind zwei Personen, die den Blick aus zwei Gesellschaften einbringen. Meine Tandem-Partnerin kommt aus der operativen Flüchtlingsarbeit. Das gibt uns als Team eine große Stärke.“ Die Argumente überzeugen am Ende auch den Arbeitgeber.
„Gerade in der Integrationsarbeit spielt meine Migrationserfahrung eine sehr große Rolle, beispielsweise wenn ich Konzepte erarbeite,“ erklärt Lidwine Reustle. „Unser Vorteil bei der Bewerbung war, dass meine Tandempartnerin aus Deutschland kommt und ich aus Benin. Wir beide zusammen können in der Integrationsarbeit eine Brücke bauen.“
Mentorin Ute Wichmann freut sich über den Erfolg ihrer Mentee. Im Vorfeld der Bewerbungsgespräche arbeiten sie gemeinsam Argumente heraus, was für das Bewerberinnen-Tandem und das Jobsharing-Konzept spricht. „Ich habe Lidwine wachsen sehen in dieser Situation. Das ist eine schöne Erfahrung als Mentorin“, sagt Ute Wichmann. Sie wird weiterhin als Mentorin in Heilbronn aktiv bleiben.
Ich wünsche vielen Frauen diese Erfahrung. Der interkulturelle Austausch mit einer Mentee aus einem anderen Kulturkreis ist für mich immer eine Bereicherung gewesen. Die Frauen bringen oftmals eine andere Perspektive auf das Leben mit als wir hier in Deutschland.
Und was ist die Botschaft von Lidwine Reustle? „Man ist nie zu erfahren oder zu gut für ein Mentoring. Es ist wichtig, sich auf dem Weg begleiten zu lassen“, findet sie. Mittlerweile ist sie selbst das zweite Mal als Mentorin in Heilbronn tätig. „Ich freue mich, dass ich das, was ich bekommen habe, nun weitergeben kann.“
Kontaktstelle Frau und Beruf Heilbronn-Franken im April 2026
Informationen zur Kontaktstelle Heilbronn-Franken
Ute Wichmann (li.) und Lidwine Reustle (r.); Foto: privat
Sie wollen auch Mentorin oder Mentee werden? Hier finden Sie alle Informationen zum Mentorinnen-Programm für Migrantinnen.