Viktoriia Dembnovetska und Marlene Marquart

„Ich schaue, was ich hier und jetzt realistisch erreichen kann“

Viktoriia Dembnovetska ist eine Frau, die in der Ukraine beruflich erfolgreich war. Karriere gemacht hat. Sie hat Betriebswirtschaft und Rechtswissenschaft studiert. Sie hat über zehn Jahre Berufserfahrung im Finanzbereich gesammelt. Sie hat Geschäftskunden beraten, die Kreditvergabe verantwortet, eine Bankfiliale geleitet. 

Im Frühjahr 2022 flüchtet sie mit ihrem Mann und zwei Kindern wegen des Krieges nach Deutschland. Und muss feststellen, dass ihre Qualifikationen hier erst einmal nichts wert sind. Die Anerkennung ihrer Abschlüsse durch die Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZaB) ist „ein komplexer Prozess“ wie sich Viktoriia Dembnovetska ausdrückt. 

Die Familie lebt in Stuttgart, Viktoriia Dembnovetska absolviert Sprachkurse bis zum Niveau B2. Sie bemüht sich weiterhin um die Anerkennung ihrer Zeugnisse und bewirbt sich immer wieder. Erfolglos. Von ihrer Beraterin im Jobcenter bekommt sie schließlich den Hinweis auf die Kontaktstelle Frau und Beruf unter dem Dach des Vereins BeFF – Berufliche Förderung von Frauen e. V.

Als Frau Dembnovetska zu mir kam, wollte sie schnell vorankommen und unbedingt arbeiten. Sie wollte, dass wir noch einmal schauen, ob das mit der Anerkennung ihrer Unterlagen nicht doch irgendwie klappen könnte. Da war viel Ehrgeiz. Durch die Beratung hier kam später ein – durchaus positiver – Pragmatismus hinzu.

Marlene Marquart

Nach der einstündigen Intensivberatung konnte Viktoriia Dembnovetska in das ebenfalls bei BeFF angesiedelte und von der Stadt Stuttgart bis Ende des Jahres 2025 geförderte Programm „Empowerment für zugewanderte und geflüchtete Frauen“ übergeleitet werden. Das bot die Möglichkeit, ihre berufliche Orientierung auf dem ihr unbekannten Arbeitsmarkt längerfristig zu begleiten.

Ich hatte selbst schon viel getan und mich oft beworben, trotzdem hatte ich bisher nur Absagen bekommen. Ich hatte nicht verstanden, wie der deutsche Arbeitsmarkt funktioniert.

Viktoriia Dembnovetska

In der Beratung ging es zunächst einmal darum, anzuerkennen, dass eine Arbeit in ihrem bisherigen Bereich mit Kundenkontakt sprachlich derzeit nicht möglich ist. Zudem war im Vergleich zur Ukraine auf dem deutschen Arbeitsmarkt ein anderes technisches Know-how gefragt, beispielsweise andere spezifische EDV-Programme.

Gemeinsam haben wir herausgearbeitet, dass eine Stelle im Bereich Finanzbuchhaltung möglich wäre. Beispielsweise Rechnungskontrolle, Zahlungseingänge überwachen. Also sich eher in den „Basics“ zu bewerben.

Marlene Marquart

Viktoriia Dembnovetska erhält Tipps, Informationen und arbeitsintensive „Hausaufgaben“. Sie lernt, wie sie sich und ihre Qualifikationen an den deutschen Arbeitsmarkt anpassen kann. „Ich habe mich vorher auf Stellen in vielen verschiedenen Finanzbereichen beworben. Aber ich konnte nicht einschätzen, was dabei wichtig und zu beachten war. Mit der Erklärung und Unterstützung meiner Beraterin hatte ich jetzt die Chance, mich anzupassen und mich auf die für mich wirklich passenden Stellen zu bewerben.“

Gemeinsam mit Marlene Marquart überarbeitet sie ihre Bewerbungsunterlagen und verfasst Bewerbungs-Anschreiben. Sie lernt, worauf es ankommt und was sie noch verbessern kann. Sie bekommt Links zu Jobbörsen und Hinweise, nach welchen Begrifflichkeiten sie dort suchen muss. 

„Dann stand Frau Dembnovetska auf einmal da und hat gesagt: Ich habe ein Vorstellungsgespräch!“, erzählt die begeisterte Beraterin. 

Nun ging es um die gemeinsame Vorbereitung dieses Termins. „Ich baue die Brücke, diese Stellenangebote kulturell einzuordnen“, erklärt Marquart. „Ich kann sehen: Aha, das ist das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa). Es wird von der Stadt Stuttgart gefördert. Es hat einen anderen Charakter als zum Beispiel eine Bank. Es ist ein interkulturelles Unternehmen, wo viele Freiwillige und junge Leute sind. Nichts Steifes, wo alle im Anzug rumlaufen. Das ist wichtig, noch mal anzuschauen und zu verstehen, bevor man dort hingeht.“

Die Arbeit hat sich gelohnt. Viktoriia Dembnovetska erhält die Zusage. Seit einigen Monaten arbeitet sie als Finanzsachbearbeiterin in der Abteilung Dialoge beim ifa. Dort übernimmt sie eigenverantwortlich finanzielle Aufgaben, insbesondere Budgetplanung, Budgetprüfung und -überwachung sowie die finanzielle Prüfung von Abrechnungen und Belegen im Rahmen von Projektbudgets.

Auch rund um den Einstieg in das Arbeitsverhältnis erhielt Dembnovetzka Unterstützung, beispielsweise bei Fragen zum Arbeitsvertrag oder der Arbeitskultur. 

Ich bin dort, wo ich hinwollte. Derzeit bin ich glücklich mit meiner Arbeit. Sie macht mir Spaß und motiviert mich, mein Bestes zu geben. Wie jeder Mensch möchte ich mich beruflich weiterentwickeln und schaue nun in Ruhe, was mir noch fehlt und was ich lernen kann.

Viktoriia Dembnovetska

Das ist auch die Erfahrung von Beraterin Marquart. „Es ist gut, wenn die Frauen zunächst einmal in einem Job anfangen, wo sie die Basics machen können und in einem guten Umfeld sind. Das baut ihr Selbstbewusstsein auf, verbessert die Sprachfähigkeiten und erleichtert den weiteren beruflichen Weg.“ Manchmal sei es jedoch schwer für die Frauen zu akzeptieren, dass sie trotz guter Qualifikation nicht nahtlos an ihrer früheren Position anknüpfen können und „eine Stufe tiefer“ neu anfangen müssen. 

Und was möchte Viktoriia Demnovetska anderen Frauen in einer ähnlichen Situation mit auf den Weg geben? Das sind zwei Dinge.

Erstens: „Dass es am Ende geklappt hat!“, kommt die spontane Antwort. „Es ist eine Frage der Zeit. Es braucht Geduld und macht Arbeit. Wir bekommen bei der Beratung die passenden Informationen. Das macht die Arbeit effektiv. Es reicht aber nicht zu warten, dass andere für dich die Arbeit machen. Du musst es selbst tun! Wenn ich bereit bin, diese Arbeit zu machen, habe ich Erfolg. Sonst nicht.“

Zweitens: „Die Frauen sollen weitergehen und sich Unterstützung suchen. Wenn ich hier neu anfange, darf ich nicht vergleichen, was ich in meiner Heimat gemacht habe und welche Erfahrungen ich eigentlich einbringen kann. Ich kann nur schauen, was ich hier und jetzt realistisch erreichen kann.“

Kontaktstelle Frau und Beruf Stuttgart – Region Stuttgart im Februar 2026

Informationen zur Kontaktstelle Stuttgart – Region Stuttgart

Kontaktstelle Frau und Beruf Stuttgart – Region Stuttgart 

Viktoriia Dembnovetska (li.) und Marlene Marquart (r.); Foto: privat

zurück zu allen Erfolgsgeschichten