Der Wiedereinstieg nach einer Familienphase gelingt am besten, wenn sich Familien vom Druck befreien, alles perfekt machen zu müssen. (Foto: Symbolbild Envato)
Melanie* (39) ist verheiratet, Mutter zweier Kinder und nach sechs Jahren Familienzeit wieder ins Berufsleben eingestiegen. Statt in ihre frühere Führungsposition zurückzukehren, entschied sie sich bewusst für einen beruflichen Neustart bei ihrem bisherigen Arbeitgeber, aber in einer anderen Funktion – mit 20 Stunden, viel Flexibilität und einer neuen Perspektive auf Arbeit und Familie. Im Interview erzählt sie, warum der Wiedereinstieg in dieser Form für sie genau die richtige Entscheidung war, welche Herausforderungen sie meistern musste und welche Tipps sie anderen Müttern mit auf den Weg geben möchte.
Frau und Beruf:
Erzählen Sie uns kurz von Ihrem beruflichen Weg. Was haben Sie vor der Familienzeit gemacht?
Melanie:
Ich arbeite seit 2013 bei einem kommunalen Energieversorger. Vor meiner Elternzeit war ich Abteilungsleiterin und für einen großen Bereich rund um die Netzabrechnung verantwortlich. Als ich 2019 mit meinem ersten Kind in Elternzeit gegangen bin, war mir allerdings schon bewusst, dass ich später wahrscheinlich nicht mehr in diese Führungsposition zurückkehren würde. Für mich war klar: Diese Aufgabe lässt sich nur in Vollzeit ausüben – und das passte nicht zu meinen Vorstellungen vom Familienleben.
Frau und Beruf:
War von Anfang an geplant, sechs Jahre zu Hause zu bleiben?
Melanie:
Nein, überhaupt nicht. Ursprünglich wollte ich zwei Jahre Elternzeit nehmen. Dann wurde ich erneut schwanger und schließlich habe ich die Elternzeit auf insgesamt sechs Jahre verlängert. Vorher hätte ich nie gedacht, dass ich einmal so lange zu Hause bleiben würde. Im Rückblick bin ich aber sehr dankbar, dass ich diese Möglichkeit hatte und dass auch mein Mann die lange Elternzeit unterstützt und mir die Zeit gegeben hat. Aus meinem Freundeskreis weiß ich, dass das nicht immer so möglich ist.
Gleichzeitig habe ich gemerkt, wie sehr einen das Familienleben einnimmt. Ich hatte kaum Kontakt zu meinem beruflichen Umfeld – nicht, weil ich das nicht wollte, sondern weil der Alltag mit kleinen Kindern einfach alles ausgefüllt hat.
Frau und Beruf:
Gab es einen bestimmten Moment, an dem Sie wussten: Jetzt möchte ich wieder arbeiten?
Melanie:
Es gab keinen einzelnen Moment. Irgendwann war einfach der Wunsch da, wieder eine weitere Rolle im Leben zu haben – nicht nur Mama und Organisatorin des Familienalltags zu sein. Ich habe während der Elternzeit sogar überlegt, beruflich noch einmal ganz neu anzufangen. Deshalb habe ich mich auch bei Frau und Beruf beraten lassen. Dort wurde mir geraten, meinem bisherigen Arbeitgeber zunächst eine Chance zu geben. Heute bin ich sehr froh, dass ich auf diesen Rat gehört habe.
Frau und Beruf:
Sie sind also zu Ihrem früheren Arbeitgeber zurückgekehrt – allerdings in einer anderen Position.
Melanie:
Genau. Ich arbeite heute in einem völlig neuen Team und in einer anderen Aufgabe im Beschwerdemanagment. Ich bin mit 20 Stunden pro Woche eingestiegen, verteilt auf vier Tage. Einen festen freien Tag konnte ich mir ebenfalls aussuchen. Besonders wichtig ist für mich die große Flexibilität: Ich arbeite überwiegend im Homeoffice, habe Gleitzeit und kann meine Arbeitszeit gut an den Familienalltag anpassen. Ohne diese Möglichkeiten wäre der Wiedereinstieg für mich deutlich schwieriger gewesen.
Frau und Beruf:
Was war die größte Herausforderung beim Wiedereinstieg?
Melanie:
Eigentlich gar nicht die fachliche Seite. Ich musste zwar neue Systeme kennenlernen und mich an digitales Arbeiten mit Teams und Homeoffice gewöhnen – das gab es vor meiner Elternzeit in dieser Form noch nicht. Viel schwieriger war der organisatorische und mentale Teil.
Man muss akzeptieren, dass nicht mehr alles perfekt laufen kann. Der Haushalt sieht eben nicht mehr aus wie früher, das Mittagessen steht nicht jeden Tag pünktlich auf dem Tisch und manchmal muss man einfach Prioritäten setzen. Das war für mich die größte Umstellung.
Frau und Beruf:
Gab es auch positive Überraschungen?
Melanie:
Ja, viele sogar. Ich hatte fast vergessen, wie viel Freude mir die Arbeit macht. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass ich heute viel gelassener bin als früher. Vor den Kindern war mein Beruf mein halbes Leben. Heute bin ich da mehr in Balance und kann besser priorisieren. Ich arbeite strukturierter, konzentrierter und nehme Konflikte nicht mehr so persönlich. Ich glaube, Mutter zu werden verändert einen – man entwickelt automatisch mehr Gelassenheit und Resilienz.
Frau und Beruf:
Welche Rolle spielte Ihr privates Umfeld?
Melanie:
Mein Mann arbeitet sehr viel und ist beruflich wenig flexibel. Deshalb war mir von Anfang an klar, dass ich den Familienalltag größtenteils selbst organisieren muss. Umso wichtiger war ein Arbeitgeber, der mir entgegenkommt. Außerdem habe ich gelernt, Unterstützung anzunehmen – zum Beispiel durch die Großeltern, wenn das möglich ist. Niemand muss alles alleine schaffen.
Frau und Beruf:
Würden Sie heute etwas anders machen?
Melanie:
Ich glaube, wenn ich noch einmal in Elternzeit wäre, würde ich sie bewusster auch für mich selbst nutzen. Damals drehte sich alles um Haushalt und Kinder. Heute weiß ich, wie wichtig es ist, sich Zeit für sich selbst zu nehmen.
Deshalb habe ich mir bewusst einen festen freien Vormittag in der Woche eingerichtet. Früher habe ich an diesem Tag den Haushalt erledigt, heute nutze ich ihn für Sport, Arzttermine oder einfach Dinge, die mir guttun. Das gibt mir unglaublich viel Energie.
Frau und Beruf:
Welche Tipps möchten Sie anderen Frauen geben, die vor dem Wiedereinstieg stehen?
Melanie:
Das Wichtigste ist, die eigenen Erwartungen herunterzuschrauben. Wir Frauen möchten oft allem gerecht werden: perfekte Mutter, perfekte Mitarbeiterin, perfekter Haushalt. Das funktioniert nicht.
Man sollte sich früh überlegen, was wirklich wichtig ist, Unterstützung annehmen und sich selbst nicht vergessen. Ein bisschen Gelassenheit hilft enorm. Der Haushalt wartet auch morgen noch.
Frau und Beruf:
Und was wünschen Sie sich von Arbeitgebern?
Melanie:
Vor allem Offenheit und Flexibilität. Mir hat sehr geholfen, dass ich bei den Arbeitszeiten und der Aufgabenwahl mitentscheiden durfte. Außerdem sollten Arbeitgeber akzeptieren, dass Teilzeitkräfte klare Grenzen brauchen. Regelmäßige Termine am Nachmittag sind für viele Eltern einfach nicht machbar. Wer hier flexibel ist, gewinnt motivierte und engagierte Mitarbeiterinnen.
Frau und Beruf:
Wenn Sie Ihren Wiedereinstieg in einem Satz beschreiben müssten – welcher wäre das?
Melanie:
Der Wiedereinstieg hat mir gezeigt, dass Beruf und Familie kein Entweder/ Oder sein müssen. Ich bin heute gelassener, zufriedener und habe gelernt, dass man nicht perfekt sein muss, um beides gut miteinander zu verbinden.
Frau und Beruf: Vielen Dank!