"Man muss sich selbst auch etwas zutrauen“

Daniela Schoon hat den Schritt gewagt und ist nach der Elternzeit in eine Führungsposition eingestiegen. (Foto: Christine Oppenländer)

Nach der zweiten Elternzeit zurück in den Beruf – und direkt in eine Führungsposition: Daniela Schoon (39) hat genau diesen Schritt gewagt. Seit Ende März 2026 leitet sie den Standort Pforzheim eines Bildungsträgers. Im Interview erzählt sie, warum sie sich auf die neue Aufgabe gefreut hat, wie sie Familie und Führungsverantwortung organisiert und warum sie gelernt hat, sich selbst und auch ihren Kindern mehr zuzutrauen.

 

Frau und Beruf:

Daniela, bevor wir über Ihren Wiedereinstieg sprechen: Wie sah Ihr beruflicher Weg vor der Familienzeit aus?

Daniela: Ich komme ursprünglich aus Pforzheim und habe nach dem Abitur am Campus Germersheim an der Universität Mainz Sprache, Kultur und Translation studiert, mit Schwerpunkt Englisch. Oder vereinfacht gesagt: ich bin studierte Dolmetscherin und Übersetzerin. 2012 habe ich meinen Bachelor und Master abgeschlossen.

Danach bin ich mit meinem Mann in die Schweiz gezogen und habe dort mehrere Jahre als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache gearbeitet, sogar einen offiziellen Abschluss als Lehrkraft für Deutsch als Fremdsprache draufgesattelt. Später sind wir nach Spanien, nach Madrid, gezogen. Dort habe ich zunächst in einer Sprachschule als Direktionsassistentin gearbeitet und bin anschließend in ein Start-up im Bereich Second-Hand-Kleinhandel für Mode eingestiegen. Dort war ich für die Kundenbetreuung in Deutschland, Frankreich und Spanien zuständig.

2019 kam unsere erste Tochter zur Welt. Anfang 2020 sind wir dann nach Deutschland zurückgekehrt, nach Pforzheim. Nach einer Übergangszeit im Homeoffice habe ich im April 2021 bei meinem heutigen Arbeitgeber angefangen, einem Bildungsträger – zunächst als Assistentin der Regionalleitung.

 

Frau und Beruf:

Wie hat sich daraus die Perspektive auf eine Führungsposition entwickelt?

Daniela: Das war tatsächlich keine spontane Entscheidung. Mit dem Umzug unseres Standorts kam bereits die Frage auf, ob ich langfristig die Standortleitung in Pforzheim übernehmen möchte. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon Schulungen besucht und mich auf diese Entwicklung vorbereitet.

Dann wurde ich aber zunächst zum zweiten Mal schwanger. Ab Januar 2025 war ich im Mutterschutz und anschließend in Elternzeit. Ende März 2026 bin ich schließlich wieder zurückgekehrt – direkt als Standortleiterin.

 

Frau und Beruf: 

Wie war Ihr Gefühl, als Ihnen die Führungsposition angeboten wurde?

Daniela: Ich habe mich richtig gefreut und war auch sehr stolz, dass man mir diese Aufgabe zugetraut hat. Ich war direkt Feuer und Flamme und habe gedacht: Das kriege ich schon irgendwie hin.

Dabei hat mir auch geholfen, dass ich mich in unserem Unternehmen gut aufgehoben fühle. Unsere Zentrale ist in Rottweil, aber man kennt sich untereinander und ist nicht einfach irgendeine Nummer. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich gefördert werde und dass man möchte, dass ich mich weiterentwickle.

 

Frau und Beruf:

Sie sind also nach der Elternzeit nicht einfach in Ihre frühere Tätigkeit zurückgekehrt, sondern direkt in eine neue Rolle gestartet. Wie haben Sie den Wiedereinstieg praktisch organisiert?

Daniela: Ich arbeite aktuell 30 Stunden pro Woche und bin von Montag bis Freitag am Standort. Die Kinderbetreuung war für uns natürlich ein ganz wichtiger Punkt. Wir hatten das große Glück, direkt einen Krippenplatz für unsere Kleine und einen Hortplatz für die Große zu bekommen.

Außerdem wohnen meine Eltern direkt eine Straße weiter. Ohne diese familiäre Unterstützung und unseren engen Freundeskreis wäre vieles sicherlich schwieriger. Wenn ein Kind krank ist oder es wirklich einmal brennt, können wir auf die Großeltern zurückgreifen. Diese Unterstützung ist für uns unglaublich wertvoll.

Mein Mann und ich teilen uns auch die Betreuung sehr konkret auf. Er arbeitet Vollzeit, holt die Kleine in seiner Mittagspause aus der Krippe und ich übernehme sie anschließend auf dem Weg nach Hause. Die Große hole ich auf dem Weg von der Schule ab.

Man merkt dabei schnell: Organisation ist wirklich alles.

 

Frau und Beruf: Wie flexibel ist Ihre Arbeitszeit?

Daniela: Mein Arbeitgeber gibt mir glücklicherweise einen gewissen Spielraum. Ich kann meine sechs Stunden am Tag nicht immer komplett im Büro ableisten. Die fehlende Zeit hole ich dann beispielsweise abends nach, wenn die Kinder versorgt sind und ein Projekt es erfordert.

Diese Flexibilität hilft mir sehr. Gleichzeitig ist mir wichtig, wenn ich das Büro verlasse, auch wirklich abzuschalten. Dann bin ich erst einmal nur Mama.

 

Frau und Beruf: 

Was gehört heute zu Ihren Aufgaben als Standortleiterin?

Daniela: Ich koordiniere den Standort und das Team. Dazu gehören beispielsweise Urlaubsanträge, Einsatzpläne und viele Personalthemen. Gemeinsam mit unserem Regionalleiter beschäftige ich mich auch mit neuen Ausschreibungen und der Frage, wie wir uns daran beteiligen können.

Außerdem habe ich den Überblick über die verschiedenen Maßnahmen und achte darauf, dass Abläufe und Fristen eingehalten werden. Netzwerk- und Abstimmungsarbeit gehört ebenfalls zu meiner Aufgabe.

Aktuell unterstütze ich teilweise auch noch bei den Umschulungen. Dadurch arbeite ich weiterhin in unterschiedliche Bereiche hinein und kenne die Abläufe gut.

 

Frau und Beruf:

Gab es vor dem Wiedereinstieg auch Befürchtungen?

Daniela: Ja, durchaus. Eine meiner größten Befürchtungen war die Frage: Wie werde ich von meinem ehemaligen Team als Führungskraft angenommen?

Als Assistentin der Regionalleitung war ich immer diejenige, die ein offenes Ohr für alle hatte. Kolleginnen kamen mit ihren Anliegen zu mir und ich habe viel vermittelt. Gleichzeitig war ich natürlich auf einer anderen Ebene.

Ich habe mich deshalb gefragt: Kommen die Kolleginnen weiterhin auf mich zu? Bleibt das Vertrauen bestehen? Entsteht plötzlich eine Distanz?

Aber diese Befürchtung hat sich überhaupt nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: Ich wurde direkt als Führungskraft angenommen. Das hat mir sehr geholfen.

 

Frau und Beruf:

Und wie ist es Ihnen damit ergangen, plötzlich Verantwortung für ehemalige Kolleginnen zu tragen?

Daniela: Ich glaube, man wächst in eine solche Rolle hinein. Man muss sich selbst auch Zeit geben und geduldig mit sich sein. Gerade am Anfang erwartet man von sich selbst vielleicht viel zu viel.

Ich habe mir unglaublich viele Dinge aufgeschrieben. Und wenn ich eine Frage einmal nicht sofort beantworten konnte, war das auch kein Problem. Mein Team war sehr nachsichtig mit mir.

Ich habe gemerkt: Man muss nicht von Anfang an alles wissen. Man darf sich auch in eine Führungsrolle hinein entwickeln.

 

Frau und Beruf: 

Eine weitere Herausforderung war sicherlich die Vereinbarkeit von Führungsaufgabe und zwei Kindern. Wie haben Sie das erlebt?

Daniela: Genau das war meine zweite große Befürchtung. Nach einem Jahr Elternzeit ist der Tagesablauf einfach ein anderer. Ich habe mich gefragt: Wie bekomme ich das mit 30 Stunden und zwei Kindern alles unter einen Hut? Kann ich bei der Arbeit 100 Prozent geben und nachmittags auch noch 100 Prozent für meine Kinder da sein?

Im Alltag hat sich dann gezeigt, dass es durchaus funktioniert. Für mich ist dabei eine klare Trennung wichtig: Wenn ich bei der Arbeit bin, bin ich bei der Arbeit. Und wenn ich das Büro verlasse, versuche ich, abzuschalten und mich auf die Kinder zu konzentrieren.

Man kann nicht gleichzeitig an alles denken. Ich glaube, diese klare Differenzierung hilft mir.

 

Frau und Beruf: 

Hat sich auch im Familienalltag etwas verändert?

Daniela: Auf jeden Fall. Wir mussten als Familie erst in die neue Situation hineinwachsen. Während der Elternzeit war immer jemand zu Hause. Jetzt ist das anders. Auch mein Mann musste sich daran gewöhnen, dass beispielsweise nicht mehr selbstverständlich das Essen auf dem Tisch steht.

Aber auch das spielt sich mit der Zeit ein.

Und ich habe gelernt, meinen Kindern mehr zuzutrauen. Meine große Tochter ist während meiner Elternzeit in die Schule gekommen. Zunächst habe ich sie jeden Morgen hingebracht und mittags abgeholt. Irgendwann habe ich aber gespürt, dass wir Eltern den Kindern auch etwas zutrauen dürfen: Sie kann die 200 Meter von der Schule auch alleine nach Hause laufen. 

Man macht sich als Mutter manchmal sehr viele Gedanken und möchte alles absichern. Aber Kinder wollen auch zeigen, dass sie etwas selbst können.

 

Frau und Beruf: 

Auch bei Ihrer jüngeren Tochter hatten Sie zunächst Bedenken, ob die Eingewöhnung in der Krippe funktionieren würde.

Daniela: Ja. Sie war im ersten Lebensjahr sehr anhänglich und eigentlich ständig bei mir. Deshalb dachte ich: Wie soll das funktionieren, wenn sie in die Krippe kommt?

Aber ich habe versucht, mit einer positiven Haltung in die Eingewöhnung zu gehen. Und zu unserer Überraschung marschiert sie heute jeden Morgen mit ihrem Rucksack in die Krippe und ist glücklich.

Das hat mir noch einmal gezeigt: Man macht sich oft viel zu viele Gedanken. Manchmal muss man Dinge einfach auf sich zukommen lassen.

 

Frau und Beruf:

Was hat Ihnen der Wiedereinstieg persönlich noch gezeigt?

Daniela: Dass man nicht immer perfekt funktionieren muss. Auch gegenüber den Kindern nicht.

Früher dachte ich beispielsweise, ich dürfte vor meinen Kindern nicht zeigen, wenn ich gestresst oder müde bin oder einmal einen schlechten Tag hatte. Heute sehe ich das anders. Ich kann meinen Kindern auch offen sagen: Heute war ein schwieriger Tag, das hat aber nichts mit euch zu tun. Ich brauche gerade einfach einen Moment.

Jeder Mensch hat einmal einen schlechten Tag. Das darf man auch zeigen.

Und ich habe auch gelernt, mir selbst Zeit zu nehmen. Man kann nicht immer nur funktionieren. Auch mal etwas für sich selbst zu machen, sich mit Freundinnen zu treffen oder einfach in Ruhe ein Buch zu lesen, gehört für mich inzwischen dazu.

 

Frau und Beruf:

Welche Bedeutung hat es für Sie, dass Ihre beiden Kinder erleben, dass ihre Mutter arbeitet und eine Führungsposition innehat?

Daniela: Eine große. Gerade für meine Töchter ist mir wichtig zu zeigen: Frauen können Verantwortung übernehmen und ihre eigenen beruflichen Ziele verfolgen.

Meine Große konnte lange gar nicht richtig verstehen, was ich eigentlich im Büro mache. Inzwischen hat sie verstanden, dass ich Menschen begleite und ihnen dabei helfe, beruflich weiterzukommen. Ich glaube, sie nimmt dadurch auch wahr, dass die Mama arbeitet und etwas bewirkt.

Ich möchte meinen Kindern vermitteln: Wenn du etwas erreichen möchtest, dann kannst du das auch. Es macht keinen Unterschied, ob du ein Mädchen oder ein Junge bist.

 

Frau und Beruf:

Was würden Sie Frauen raten, die nach einer Familienzeit über eine Führungsposition nachdenken?

Daniela: Sich selbst etwas zutrauen.

Wenn die Rahmenbedingungen stimmen – vor allem bei Kinderbetreuung und Organisation –, würde ich Frauen ermutigen, offen an eine solche Chance heranzugehen.

Man sollte sich auch die Zeit geben, in die neue Rolle hineinzuwachsen. Niemand muss am ersten Tag alles können. Und auch die Familie muss sich erst an die neue Situation gewöhnen.

Außerdem würde ich immer sagen: Traut euch zu, neue Dinge zu lernen. Man sollte nicht denken: Dafür bin ich jetzt zu alt oder dafür habe ich zu lange Pause gemacht. Wenn jemand euch eine solche Aufgabe zutraut, hat das schließlich einen Grund.

Warum sollte man es dann nicht einfach ausprobieren?

Frau und Beruf: Vielen Dank, liebe Daniela, für das Interview und alles Gute für Ihren weiteren Weg!