Fachkräfte zu sichern, Mitarbeitende langfristig zu binden und Teams stabil zu führen – Unternehmen stehen aktuell vor großen Herausforderungen. Gleichzeitig zeigt sich: Der entscheidende Hebel liegt oft näher als gedacht – in der täglichen Führung.
Der zentrale Zusammenhang: Führung beeinflusst nicht nur Ergebnisse, sondern auch, ob und wie Potenziale im Team sichtbar werden und genutzt werden. Damit wird PERMA-Lead zu einem praxisnahen Ansatz, der nicht nur Motivation und Leistung stärkt, sondern auch Chancengleichheit in Organisationen aktiv fördert.
Die Kontaktstelle Frau und Beruf Nordschwarzwald greift diesen Ansatz gemeinsam mit der Kontaktstelle Frau und Beruf Heilbronn-Franken auf und übersetzt ihn in konkrete Praxis: mit der Veranstaltungsreihe „Führen mit Wirkung 2026 – PERMA-Lead in der Praxis“.
Wie wirksame Führung im Alltag aussieht und warum sie ein entscheidender Faktor für Bindung und Potenzialentfaltung ist, erläutert Dr. Markus Ebner, Gründer von PERMA Lead, im folgenden Interview.
Kontaktstelle Frau und Beruf Nordschwarzwald: Viele Unternehmen stehen aktuell vor der Herausforderung, Fachkräfte zu halten und Teams stabil zu führen. Welche Rolle kann Positive Leadership hier konkret spielen?
Dr. Markus Ebner: Viele Organisationen betrachten Fachkräftebindung noch immer primär als strukturelles Thema – Gehalt, Benefits oder Arbeitsmarktbedingungen. Diese Faktoren sind selbstverständlich relevant, aber sie erklären nur einen Teil der Realität. Ein nachweislich entscheidender Hebel liegt in der täglichen Führung.
Menschen entscheiden nicht einmal im Jahr, ob sie bleiben – sondern jeden Tag im Arbeitsalltag, also dort, wo Führung wirkt: in Gesprächen, in Feedback, in der Art, wie Aufgaben vergeben werden, oder ob jemand mit seinen Stärken arbeiten kann.
Positive Leadership setzt genau hier an. Mit dem PERMA-Lead Modell lässt sich sehr konkret beschreiben, welche Verhaltensweisen von Führungskräften Motivation, Vertrauen und Bindung fördern. Wenn Mitarbeitende erleben, dass ihre Arbeit Sinn macht, ihre Stärken gesehen und genutzt werden und sie als Person ernst genommen werden, entsteht eine Form der Bindung, die weit über vertragliche Aspekte hinausgeht.
Kontaktstelle Frau und Beruf Nordschwarzwald: PERMA-Lead zeigt, wie Führung Motivation, Zusammenarbeit und Leistung beeinflusst. Was verändert sich für Führungskräfte, wenn sie diese Wirkfaktoren bewusst gestalten?
Markus Ebner: Für viele Führungskräfte wird Führung dadurch zunächst einmal greifbarer. Dinge, die sonst eher vage bleiben – wie Motivation oder Zusammenarbeit –
lassen sich auf konkretes eigenes Verhalten zurückführen, weil das PERMA-Lead Modell ein konkretes Verhaltensmodell ist.
Das verändert die Wahrnehmung im Alltag. Gespräche, Feedback oder die Vergabe von Aufgaben werden bewusster gestaltet. Aufmerksamkeit wird gezielter gelenkt: Was spreche ich an? Was verstärke ich? Welche Signale sende ich – oft auch unbeabsichtigt?
Viele Führungskräfte machen dabei die Erfahrung, dass kleine Veränderungen spürbare Wirkung haben. Eine klarere Rückmeldung, ein anderer Blick auf Stärken oder mehr Transparenz in Entscheidungen beeinflussen, wie Mitarbeitende sich einbringen und zusammenarbeiten.
Führung bekommt damit eine andere Verbindlichkeit. Das eigene Verhalten rückt stärker in den Fokus – und damit auch die Frage, welche Wirkung ich im Alltag tatsächlich erzeuge.
Kontaktstelle Frau und Beruf Nordschwarzwald: Die Kontaktstelle Frau und Beruf setzt sich dafür ein, Potenziale – insbesondere von Frauen – besser sichtbar und nutzbar zu machen. Welche Rolle spielt Führung dabei aus Ihrer Sicht?
Markus Ebner: Ob Potenziale sichtbar werden, entscheidet sich selten zufällig. Es hängt stark davon ab, worauf Führung ihre Aufmerksamkeit richtet und wem sie Raum gibt.
In vielen Organisationen sind Kompetenzen durchaus vorhanden, werden aber nicht immer in gleicher Weise wahrgenommen oder genutzt. Das zeigt sich zum Beispiel darin, wer in Meetings gehört wird, wer anspruchsvolle Aufgaben bekommt oder wessen Beiträge aufgegriffen und weiterentwickelt werden.
Bei Frauen zeigt sich laut Studien häufiger, dass sie ihre Leistungen und Potenziale weniger stark selbst sichtbar machen. Forschungsarbeiten zeigen beispielsweise, dass Frauen ihre eigene Leistung tendenziell niedriger einschätzen als Männer – selbst bei vergleichbarer tatsächlicher Leistung. Gleichzeitig agieren sie im Schnitt zurückhaltender, wenn es darum geht, eigene Beiträge aktiv sichtbar zu machen.
Dieses Bild zeigt sich übrigens auch sehr klar in unseren eigenen Daten aus dem PERMA-Lead Kontext. Beim Vergleich von Selbst- und Fremdeinschätzungen sehen wir, dass Frauen ihre Führungskompetenz tendenziell niedriger bewerten, als sie von ihren Mitarbeitenden eingeschätzt werden. Bei Männern zeigt sich das umgekehrte Muster.
Für den Führungsalltag ist das hoch relevant: Sichtbarkeit entsteht nämlich nicht automatisch aus Leistung. Wenn Führung sich darauf verlässt, dass gute Arbeit von selbst gesehen wird, bleiben Potenziale systematisch unter dem Radar.
Kontaktstelle Frau und Beruf Nordschwarzwald: Viele Mitarbeitende – gerade auch Frauen – erleben, dass ihre Kompetenzen nicht immer vollständig gesehen oder genutzt werden. Was können Führungskräfte konkret tun, um das zu verändern?
Markus Ebner: Zunächst ist mir wichtig: Das ist kein spezifisches Frauenthema. Viele Mitarbeitende haben das Gefühl, dass ihre Stärken im Arbeitsalltag zu wenig gesehen oder genutzt werden. Regelmäßige Studien von Gallup zeigen seit Jahren, dass nur ein relativ kleiner Teil der Beschäftigten den Eindruck hat, die eigenen Stärken bei der Arbeit wirklich einbringen zu können.
Für Führung stellt sich damit eine sehr konkrete Aufgabe: Kompetenzen und Stärken zu erkennen und auch tatsächlich zur Wirkung zu bringen.
Ein erster Hebel liegt in der bewussten Wahrnehmung. Führungskräfte sehen häufig vor allem das, was sichtbar ist – also das, was aktiv eingebracht wird. Kompetenzen, die leiser auftreten oder weniger offensiv gezeigt werden, bleiben dabei leicht im Hintergrund. Hier hilft es, gezielt nachzufragen, Beobachtungen zu spiegeln und auch Zwischenergebnisse oder Prozesse stärker in den Blick zu nehmen.
Der zweite Schritt geht darüber hinaus: Kompetenzen müssen genutzt werden. Das passiert über Aufgaben, Rollen und Verantwortlichkeiten. Wer regelmäßig ähnliche Tätigkeiten übernimmt, bleibt nur in einem bestimmten Kompetenzbereich sichtbar. Führung kann hier bewusst variieren, Verantwortung gezielt übertragen und Mitarbeitende in Situationen bringen, in denen ihre Stärken tatsächlich gebraucht werden.
Ein dritter Punkt ist die Sichtbarkeit im System. Es reicht nicht, wenn eine Führungskraft die Stärken einer Person erkennt. Sie müssen auch für andere erkennbar werden – im Team, in Schnittstellen oder gegenüber Entscheidungsträger:innen. Das kann durch gezieltes Aufgreifen von Beiträgen, durch das Sichtbarmachen von Ergebnissen oder durch die bewusste Platzierung von Personen in relevanten Kontexten passieren.
Und schließlich spielt Feedback eine zentrale Rolle. Viele Kompetenzen bleiben diffus, solange sie nicht konkret benannt werden. Wenn Führung klar beschreibt, was jemand gut kann und wo genau ein Beitrag wirksam war, entsteht Orientierung – für die Person selbst und für das Umfeld.
Kontaktstelle Frau und Beruf Nordschwarzwald: In der Reihe „PERMA-Lead in der Praxis“ geht es darum, Führung im Alltag wirksam zu machen. Was sollten Führungskräfte aus Ihrer Sicht unbedingt mitnehmen?
Markus Ebner: Ein zentraler Punkt ist: Wirkung entsteht im Alltag – nicht in Modellen. Viele Führungskräfte kennen Modelle und Ansätze, entscheidend ist aber, was davon konkret im täglichen Handeln ankommt.
Hilfreich ist, den eigenen Fokus zu schärfen. Worauf richte ich meine Aufmerksamkeit im Alltag? Spreche ich nur über Probleme oder auch über Fortschritte? Sehe ich vor allem Defizite – oder auch Stärken und gelungene Beiträge? Diese Ausrichtung prägt sehr stark, wie Mitarbeitende ihre Arbeit erleben.
Ein zweiter Aspekt ist die Frage nach der eigenen Wirkung. Führung zeigt sich in vielen kleinen Situationen: in einem kurzen Feedback, in einer Rückfrage im Meeting oder darin, wem ich Verantwortung übertrage. Diese Momente summieren sich. Wer sich ihrer Wirkung bewusst ist, beginnt automatisch, anders zu führen.
Und schließlich geht es um Konsequenz. Einzelne gute Gespräche oder punktuelle Maßnahmen sind hilfreich. Aber nachhaltige Wirkung entsteht durch Verlässlichkeit im Verhalten. Wenn bestimmte Formen von Feedback, Anerkennung oder Einbindung regelmäßig stattfinden, entsteht ein Umfeld, in dem sich Motivation, Zusammenarbeit und Leistung stabil entwickeln können.
Und hier spielen 360-Grad-Feedbacks für Führungskräfte eine unverzichtbare Rolle. Sie machen sichtbar, wie das eigene Führungsverhalten tatsächlich erlebt wird – nicht nur aus der eigenen Perspektive, sondern aus Sicht der Mitarbeitenden und des Umfelds. Viele Führungskräfte erleben dabei erstmals, wo ihre Wirkung stärker oder schwächer ist, als sie selbst annehmen. Gerade auch in Bezug auf den vorhin angesprochenen geschlechtsspezifische, Wahrnehmungsunterschied ist das sehr hilfreich. Diese Rückmeldungen erlebe ich oft als einen sehr konkreter Ausgangspunkt, um gezielt an der eigenen Führung weiterzuarbeiten.
Kontaktstelle Frau und Beruf Nordschwarzwald: Vielen Dank für die inspirierenden Worte und Ihre Zeit.
Veranstaltungsreihe 2026: Führen mit Wirkung
Die Reihe „Führen mit Wirkung 2026 – PERMA-Lead in der Praxis“ macht genau diese Erkenntnisse im Alltag nutzbar.
In fünf kompakten, digitalen Feierabendimpulsen zeigen die Kontaktstellen Frau und Beruf, wie Führungskräfte die PERMA-Dimensionen gezielt in ihre tägliche Praxis integrieren können – ohne zusätzlichen Aufwand, aber mit spürbarer Wirkung.
Format:
• 5 digitale Impulse
• jeweils 60 Minuten
• kompakt, praxisnah und direkt anwendbar
Termine (online, jeweils 17:00–18:00 Uhr):
• 17. Juni PERMA-Lead in der Praxis: Modul 1 - P - Positive Emotionen
• 08. Juli PERMA-Lead in der Praxis: Modul 2 - E - Engagement
• 16. September PERMA-Lead in der Praxis: Modul 3 - R - Relationships
• 14. Oktober PERMA-Lead in der Praxis: Modul 4 - M - Meaning
• 25. November PERMA-Lead in der Praxis: Modul 5 - A - Accomplishment
Die Reihe richtet sich an Führungskräfte, Personalverantwortliche und Unternehmer:innen die ihre Wirkung im Alltag gezielt weiterentwickeln und gleichzeitig Motivation, Bindung und Chancengleichheit im Team stärken wollen.